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Systemische Beratung: Mehr als „nur“ Aufstellungen

Systemische Beratung – was ist das eigentlich? Den Begriff verbinden viele Menschen mit Aufstellungen bzw. Aufstellungsarbeit, doch es steckt soviel mehr in systemischer Beratung.

Begriffsklärung: Systemische Beratung

Die systemische Beratung ist die Beratung sowohl von Einzelpersonen als auch von Gruppen mit Blick auf den jeweiligen Kontext: das ist in der Regel ihr soziales System. Ihren Ursprung hat die systemische Beratung in der Familientherapie.

Beim systemischen Ansatz wird der Mensch als soziales und beziehungsorientiertes Wesen betrachtet. Das heißt, das Individuum wird nicht als „unabhängig von seiner Umwelt“ angesehen. Sondern als Teil eines sozialen Systems.

Es befindet sich also niemand in einem Vakuum. Stattdessen erfolgt eine ganzheitliche Betrachtung bezogen auf den jeweiligen Kontext und die Wechselwirkungen mit seinem Umfeld.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Aristoteles

In der Systemischen Beratung wird davon ausgegangen, dass jede noch so kleine Änderung eines Teils des Systems Auswirkungen auf das Gesamtsystem hat.

Grundsätze der systemischen Beratung: systemische Haltungen

Eine Haltung ist eine bewusst oder unbewusst eingenommene Einstellung zu einer bestimmten Angelegenheit oder Sache. Haltungen erzeugen ein entsprechendes Verhalten (Reaktion) in Bezug auf eine bestimmte Situation.

Es gibt eine Reihe von systemischen Haltungen, die der Beratung zugrunde liegen. Diese sind teilweise eng miteinander verzahnt. Im folgenden gehe ich auf die wesentlichen Haltungen ein, erhebe aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Nichtwissende Haltung

Die nicht-wissende Haltung geht auf die Theorien des Radikalen Konstruktivismus zurück. Diese gehen davon aus, dass eine objektive Realität nicht existiert, da die Realität eines einzelnen Individuums immer zunächst in dessen Kopf „konstruiert“ wird, und zwar auf Basis der eigenen Erlebnisse und Erfahrungen.

In der systemischen Beratung wird daher angenommen, dass man in der Rolle der Beratung nicht die Wirklichkeit der Ratsuchenden kennen kann. Auch wenn man Ähnliches vielleicht selbst erlebt hat und es einem bekannt vorkommt, kann die Bedeutung von Situationen, Gefühlen, Worten, Problemen und Lösungen für jede Person etwas anderes sein.

Neutralität

Neutralität bedeutet, dass die Beratenden auf jegliche Wertung gegenüber Personen, deren Problemen, deren Wirklichkeit und deren Lösungsansätzen verzichten. Ebenso besteht Neutralität im Hinblick auf die Lebensentwürfe und Handlungsmotivationen der Ratsuchenden sowie zu den einzelnen Systemelementen (also den Mitgliedern des Systems). Es erfolgt seitens der Beratenden also keine Wertung in „richtig“ oder „falsch“.

Die Neutralität soll nicht als Desinteresse oder Zurückhaltung verstanden werden. Stattdessen ermöglicht es diese Nicht-Wertung, einen Schritt zurück zu treten und den Sachverhalt von einer Metaebene aus (also aus der Distanz) zu betrachten.

Allparteilichkeit

In der systemische Beratung wird viel Wert darauf gelegt, die Perspektive der einzelnen Mitglieder eines Systems zu achten, sich empathisch einzufühlen und vor allem immer wieder durch die Brille der unterschiedlichen Beteiligten zu schauen. Der Berater bzw. die Beraterin bezieht jedoch vorzugsweise keine Stellung für die eine oder andere Seite – zumindest nicht dauerhaft.

Ziel einer Beratung ist es, dass alle Personen sich in ihrer Position verstanden fühlen und gleichberechtigt wahrgenommen werden. Auch hier gilt der Grundsatz der Neutralität – die Beraterin bzw. der Berater müssen die Positionen der einzelnen Systemmitglieder wahrnehmen und sollten sich empathisch einfühlen, verzichten jedoch auf eine Wertung oder langfristige Positionierung.

Wertschätzung

Im systemischen Kontext bedeutet Wertschätzung die Anerkennung aller Verhaltensweisen von allen Systemmitgliedern als einen positiven Beitrag zur Förderung und Aufrechterhaltung des Zusammenhaltes und des Gleichgewichtes im System.

Wie bei einem Mobile gibt es in einem System immer ein Gleichgewicht. Ein – vielleicht gesellschaftlich gesehen „falsches“ – Verhalten wird immer zunächst anerkannt als positiver Beitrag, dieses Gleichgewicht aufrecht zu erhalten.

Ressourcenorientierung

In der systemischen Beratung wird immer angenommen, das jedes System, jede Person bereits über alle notwendigen Fähigkeiten und Ressourcen verfügt, um seine Probleme zu lösen. Diese Ressourcen und Fähigkeiten werden jedoch ggf. nicht immer wahrgenommen und genutzt.

Daher ist es die Aufgabe der systemischen Beraterin bzw. des systemischen Beraters, dieses Potential und diese individuellen Fähigkeiten gemeinsam mit den Ratsuchenden herauszuarbeiten.

Der gute Grund

Im systemischen Kontext wird jedem Verhalten eine positive Handlungsmotivation zugrunde gelegt. Es wird also angenommen, dass es für jedes Verhalten einen guten Grund gibt, der jedoch nicht immer offensichtlich ist. Man geht daher davon aus, dass jeder Mensch das im Moment von ihm aus gesehen Bestmögliche macht, weil ihm nichts Nützlicheres einfällt.

  • Vielleicht, weil dieser Mensch bisher nicht die Fähigkeiten entwickelt hat, in einer bestimmten Situation anders zu reagieren.
  • Vielleicht, weil dieser Mensch bisher keine anderen Handlungsstrategien gelernt hat.
  • Vielleicht, weil dieser Mensch gewisse Erfahrungen gemacht hat.

In der systemischen Beratung wird unter anderem dieser gute Grund zusammen mit den Klientinnen und Klienten erforscht, um dann gemeinsam eine andere Handlungsstrategie, einen anderen Umgang damit zu erarbeiten.

Lösungsorientierung

Diese Haltung geht davon aus, dass die Suche nach positiven Umdeutungen eines Problems, nach Ausnahmen und ersten kleinen Schritten in Richtung Lösung meist erfolgreicher ist als eine vertiefte Analyse des Problems.

Das bedeutet nicht, dass man nicht versucht, das Problem zu verstehen. Der Fokus wird jedoch insgesamt mehr auf die Lösungsmöglichkeiten als auf das Problem und seine Ursachen gelegt.

Respekt vor der Autonomie

Im Gegensatz zu anderen therapeutischen Ansätzen werden in der systemischen Beratung die Klientinnen und Klienten als Experten – sowohl für ihre Probleme, als auch für ihre Lösungsstrategien angesehen.

Die Beraterin bzw. der Berater begleitet den Prozess der Lösungsfindung und kann lediglich Vorschläge und Angebote für mögliche Lösungsstrategien unterbreiten. Die Entscheidung, ob diese für die Klientin oder den Klienten infrage kommen, bleibt jedoch bei ihnen. Den Ratsuchenden wird also nichts „übergestülpt“, sondern ihre Entscheidungen auf dem Weg der Veränderung werden respektiert und akzeptiert – auch wenn dabei heraus kommt, dass sie am Ende alles beim Alten lassen wollen.

Mögliche Beratungsfelder

Die Anwendungsgebiete der systemischen Beratung sind vielfältig. Sie umfassen die Beratung von Einzelpersonen und Gruppen (z. B. Paare, Familien, Teams, Organisationen) in Bezug auf deren jeweiligen Kontext. Der Kontext ist das soziale System, in dem sie sich jeweils befinden.

Als Beratungsfelder kommt eigentlich jedes Thema in Betracht. Ziel ist es, das Leben, die aktuelle Situation ein bisschen besser, erträglicher, entspannter zu machen.

Beispiele sind:

  • Familienberatung
  • Paarberatung
  • Beratung zum Umgang mit schwierigen Situationen
  • Entscheidungsfindung
  • Ins Tun kommen
  • Mehr Selbstbestimmung
  • Mehr Selbstwert
  • Änderung des Blickwinkels / neue Sichtweisen auf die Situation
  • Verständnis für das eigene Verhalten und das anderer Systemmitglieder
  • und vieles mehr.

Aufstellungen und weitere Methoden

Viele Menschen verbinden mit der systemischen Beratung vor allem die Aufstellungsarbeit. Es gibt jedoch deutlich mehr als diese Methode. Die in der systemischen Beratung angewandten Methoden überschneiden sich zudem mit Methoden anderer Beratungsausrichtungen.

Aufstellungen

Eine Aufstellung dient der Verbildlichung eines Sachverhalts bzw. eines Beziehungssystems. Man stellt sozusagen die einzelnen Beteiligten des Systems auf und bringt sie damit räumlich in Beziehung. Vorteil ist, dass man somit zusammen mit den Klientinnen und Klienten von außen auf das System schauen kann, um neue Blickwinkel zu ermöglichen.

Eine Aufstellung kann mit unterschiedlichsten Hilfsmitteln erfolgen, die als Symbol für bestimmte Personen, Rollen oder Emotionen stehen; zum Beispiel:

  • Figuren (auch Tierfiguren)
  • Steine
  • Kuscheltiere
  • Stühle
  • Kissen
  • Aufstellung mit echten Personen
  • etc.
Aufstellung als Methode in der systemischen Beratung
Systemische Aufstellung mit Figuren

Weitere Methoden

Weitere typische systemische Methoden sind unter anderem:

  • Genogramm: Der Blick auf das Familiensystem
  • Zirkuläre Fragen: Fragen, bei denen man gezielt durch die Brille einer anderen Person aus dem sozialen System blicken muss, um diese zu beantworten
  • Timeline-Arbeit: „Wanderungen“ in die Vergangenheit und/oder Zukunft
  • Externalisierung: Ein bestimmtes Thema greifbarer machen, in dem man sich von dem Thema/Problem löst und es sozusagen von außen betrachtet.
  • Wunderfrage: Man stellt sich vor, wie es wäre, wenn das Problem gelöst wäre. Damit können sich neue – bisher unsichtbare – Lösungswege eröffnen.

Abgrenzung: was ist systemische Beratung nicht?

  • Klar abgegrenzt ist systemische Beratung von heilkundlicher Behandlung in Form von Psychotherapie laut Psychotherapiegesetz (PsychThG).
  • Systemische Beratung dient stattdessen eher der Begleitung, Stabilisierung der Lebenssituation der zu beratenden Personen.
  • Die systemischen Methoden sind sicherlich nicht für jede Fragestellung zielführend, denn je nach Thema kann ein fachspezifisches Wissen hilfreich sein – ist jedoch nicht zwingend erforderlich.
    Da in der systemischen Beratung die zu beratende Person oder Gruppe als Experte für sich selbst angesehen wird, ist die systemische Beratung eher als prozessbegleitend zu verstehen.
    Die Fachberatung hingegen dient dazu, zu einer Sachlage konkret zu beraten und Fachwissen und Modelle zu vermitteln.

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