Kennst du das? Irgendetwas ist los mit deinem Kind. Du spürst es. Es ist stiller als sonst, zieht sich zurück, und morgens tut plötzlich der Bauch weh, wenn es in die Schule soll. Oder ihr seid irgendwie aneinandergeraten und dein Kind stellt sich auf stur oder wirkt eingeschnappt. Du fragst nach und bekommst nur ein Schulterzucken. Oder gar keine Antwort. Je mehr du nachfragst, desto mehr macht es zu.
Das ist keine Sturheit. Wenn Kinder Gefühle und Gedanken nicht ausdrücken, fehlen ihnen oft schlicht die Worte. Sie sind so in sich gekehrt oder innerlich blockiert, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Und dieses Nicht-sagen-Können macht selbst schon Stress. Je mehr Stress das Kind verspürt, je mehr es sich gegebenenfalls in die Enge getrieben fühlt, desto weniger funktioniert das logische Denkvermögen. Der Bereich des Gehirns, der die Worte formt. Die Folge: Es liegt etwas Schweres im Raum, aber niemand kommt dran. Und je mehr wir drängen, desto mehr verschließt es sich.
Warum Kindern oft die Worte fehlen
Ein Kind, das schweigt, will meistens gar nicht bockig oder eingeschnappt sein. Es ist eher verunsichert, statt stur. Und es muss erst lernen, wieder einen Weg aus der Situation hinauszufinden. Häufig ist das Gefühl oder das Thema, um das es geht, einfach zu groß, zu diffus oder zu neu, um es in Sprache zu fassen. Der Weg vom inneren Bild hin zu einem ausgesprochenen Satz ist zudem viel länger, als wir Erwachsenen es meistens vermuten.
Und unter Stress wird dieser Weg noch länger, denn dann sorgen die ausgeschütteten Hormone dafür, dass das logische Denkvermögen zurückgefahren wird. Die Stressreaktionen sorgen dafür, dass wir auf Angriff oder Flucht vorbereitet sind, aber nicht auf klar denken oder reden. Das ist ein ganz natürlicher Schutzmechanismus, der seit Jahrtausenden in uns schlummert. Genau deshalb hilft auch die klassische Frage „Was ist denn los?“ so selten. Sie verlangt nämlich genau das, was gerade nicht geht: klar denken.
Hinzu kommt das Schamgefühl, wenn ein Kind plötzlich Dinge aussprechen soll, die ihm peinlich sind oder die es selbst noch nicht ganz greifen oder verstehen kann. Schließlich will es alles richtig machen.
Meine Lösung früher: aufschreiben statt aussprechen
Auch bei meinen eigenen Kindern hatten wir immer mal wieder solche Situationen. Irgendwas war los, aber erzählen wollten (oder konnten) sie es nicht. Irgendwann habe ich gefragt: „Wenn du es nicht sagen kannst, magst du es vielleicht aufschreiben?“
Das hat erstaunlich gut funktioniert.
Ich habe lange überlegt, warum eigentlich. Heute weiß ich, es liegt daran, dass das Thema damit ein Stück weit nach außen wanderte. Es musste nicht noch einmal durch ihre Ohren, durch ihren Mund. Es lag plötzlich auf dem Papier vor ihnen und nicht mehr in ihnen. Und mit etwas, das vor einem liegt, kann man auf einmal viel besser umgehen.
Dieses Prinzip hat mich nie wieder losgelassen: Wenn wir das Innere sichtbar machen (egal ob schreiben oder malen oder sonst irgendwie), wird es besprechbar. Und wenn es besprechbar wird, wird es veränderbar.
Dahinter steckt mehr als ein Bauchgefühl. Die Psychologie nennt diesen Effekt Externalisierung: Sobald ein Problem das Innere verlässt und greifbar wird, lässt es sich leichter betrachten und verändern. Der Psychologe James Pennebaker hat in zahlreichen Studien gezeigt, dass schon regelmäßiges Schreiben über Belastendes messbar entlastet – bis hin zu einem stärkeren Immunsystem.
Die Hirnforschung zeigt: Sobald wir eine Emotion benennen, wird es leiser im Angstzentrum, der Amygdala – also genau dort, wo Stress und Alarm entstehen. Gleichzeitig schaltet sich ein anderer Bereich zu, der rechte ventrolaterale präfrontale Kortex – quasi dein innerer Regler, der Gefühle sortiert und herunterfährt. Das Spannende daran: Dieser Effekt ist uralt. Die buddhistische Achtsamkeit arbeitet seit Jahrtausenden genau damit, Erfahrungen bewusst zu benennen, um innerlich zur Ruhe zu kommen.
Und tatsächlich zeigt die Studie: Menschen, die Achtsamkeit üben, fahren besonders schnell und effizient herunter. Das heißt: Über belastende Gefühle zu sprechen oder zu schreiben ist kein netter Tipp am Rande, sondern hat einen messbaren, therapeutischen Wert. Wer das Unaussprechliche nach außen bringt, nimmt ihm ein Stück seiner Macht und macht es greifbarer.

Heute baue ich es lieber: Gefühle und Gedanken mit LEGO® sichtbar machen
Aufschreiben war der Anfang. Heute nutze ich für solche Momente am liebsten LEGO® SERIOUS PLAY®.
Warum? Weil so viele Menschen ein Bild im Kopf haben, es aber nicht richtig greifen oder in Worte fassen können, Kinder genauso wie Erwachsene. LEGO® macht dieses Bild sichtbarer. Es vereinfacht, es reduziert und es holt das Diffuse aus dem Kopf auf den Tisch. Und wenn das Bild einmal da steht, können wir gemeinsam überlegen: Wie könnten wir das umbauen, damit die Situation besser wird?
Wie das aussieht, zeigt dieses Beispiel aus meiner Coaching-Praxis:
Drei Steine: ein Beispiel aus der Praxis
Ich hatte einen Coachee, der in der Schule immer wieder mit einem anderen Kind aneinandergeriet. Er konnte mir nie so genau sagen, warum und wie genau es immer zu den Konflikten kommt. Die Worte dafür waren einfach nicht da, deshalb gab es immer eher knappe Antworten auf meine Fragen.
Also legte ich in einer Sitzung ein Säckchen Lego auf den Tisch und sagte: „Magst du mir das einfach mal bauen?“
Seine Augen strahlten. Er liebte Lego und konnte endlich zeigen, was er konnte. (Jackpot! Dachte ich, denn endlich war das Eis gebrochen).
Er nahm zwei Figuren und stellte sie auf. Die eine war er, die andere symbolisierte das andere Kind. Dann griff er nach drei beliebigen kleinen Steinen und sagte, die stünden für die Schimpfwörter, die ihm das andere Kind immer an den Kopf werfe. „… und die wirft er mir immer hinterher“ – und er warf die Steine förmlich aus Sicht der anderen Figur zu seiner hinüber.
Das war für mich ein Gänsehaut-Moment. Ganz von selbst, ganz intuitiv, hatte er aus Steinen Metaphern gemacht.
Und jetzt hatten wir etwas in der Hand, mit dem wir arbeiten konnten. Wir haben diese drei „Schimpfwort-Steine“ genommen und gemeinsam überlegt: Wie könnten diese Steine nicht bei ihm landen, sondern abprallen? Wie könnte er sie quasi beim anderen Kind lassen, statt sie mit nach Hause zu tragen? Aus einem Gefühl, für das er keine Worte hatte, war ein Modell geworden, das wir umbauen konnten.
Und genau das haben wir dann gemacht. Wir haben verschiedene Möglichkeiten förmlich durchgespielt: Ideen, wie er mit der Situation anders umgehen könnte und im zweiten Schritt, wie er sie direkt ins Reale übertragen kann. „Stell dir vor, die Wörter prallen einfach an dir ab. Und was passiert dann mit ihnen? Wie sieht das aus?“ Wir haben zum Beispiel einen kleinen Schutzwall aus Lego gebaut, an dem die Schimpfwort-Steine abprallen, statt bei ihm zu landen. Was am Tisch als Modell entstand, konnte er mit in seinen Schulalltag nehmen. Klar, hat das nicht von heute auf morgen geklappt, aber mit etwas Übung ließ sich mein Coachee von dem anderen Kind einfach gar nicht mehr triggern.

Was beim Bauen im Kopf passiert
Während des Bauens geschieht mehr, als man von außen sieht.
Die meisten Menschen wissen zu Beginn gar nicht so genau, was und wie sie bauen sollen. Und das ist völlig okay, denn das Bild und das Bauwerk entstehen im Tun. Man fängt an, und während die Hände arbeiten, beginnt der Kopf fast automatisch mitzudenken: Was will ich hier eigentlich zeigen? Und sobald man anfängt, darüber ins Gespräch zu kommen, entwickelt sich das Ganze weiter.
Dazu kommt: Beim Bauen geraten viele in einen Flow. Das Gehirn entspannt sich, der Stresslevel sinkt – und wo weniger Stress ist, kann mehr Kreativität fließen. Genau die Kreativität, die uns fehlt, wenn wir angespannt vor einem Problem sitzen und unsere Gedanken sich nur noch im Kreis drehen.
Auch dieser Effekt ist wissenschaftlich ausführlich beschrieben. Den Zustand des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit nannte der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi Flow. Genau dort, in diesem Zustand, im Bereich zwischen Über- und Unterforderung, denkt der Kopf freier und kreativer.
Dahinter steckt eine Grundhaltung, die auch in der systemischen Arbeit zentral ist: Wir bilden Wirklichkeit nicht einfach ab, wir konstruieren sie – ein Gedanke, den Paul Watzlawick mit dem radikalen Konstruktivismus bekannt gemacht hat. LEGO® SERIOUS PLAY® macht dieses innere Konstruieren buchstäblich baubar; die Methode selbst fußt auf Seymour Paperts Konstruktionismus – der Idee, dass wir abstrakte Gedanken am besten verstehen, wenn wir sie im Wortsinn begreifbar bauen.

Ist LEGO® SERIOUS PLAY® nur Spielerei?
Wenn von Lego die Rede ist, denken viele an große Bauwerke. „Wir bauen eine Stadt“, alle machen mit. Das ist cool, das macht Spaß, und auch das ist eine Form von Kreativität. Ich liebe das selbst hin und wieder.
Aber darum geht es bei mir nicht.
Bei mir geht es ums Reflektieren — und das passiert oft, ohne dass die Menschen es direkt merken. Ich habe es schon so oft erlebt: Eine Gruppe bekommt eine Bauaufgabe, jeder baut sein Modell, und beim Vorstellen fallen plötzlich Sätze wie „Ach, so hast du das gemeint“, „Ach, jetzt verstehe ich“ oder „Ach, wir denken ja doch irgendwie in die gleiche Richtung“.
Das erlebe ich nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Erwachsenen und Müttern. Da wird etwas sichtbar und teilbar, das vorher unsichtbar im Kopf jedes Einzelnen steckte. Und genau das verändert, wie eine Gruppe miteinander umgeht.
Für Eltern und Lehrkräfte: Wenn ein Kind nicht sagen kann, was los ist
Vielleicht kennst du solche Situationen – als Elternteil zu Hause oder als Lehrkraft in deiner Klasse. Ein Kind, das nicht sagen kann, was los ist. Eine Gruppe, die aneinander vorbeiredet. Ein Konflikt, den alle spüren, aber keiner benennen kann.
Manchmal braucht es dafür kein weiteres Gespräch. Manchmal braucht es eine Handvoll Steine auf dem Tisch und die Frage: „Magst du mir das einfach mal bauen?“
Und keine Sorge – man muss dafür nicht „gut bauen können“. Ganz im Gegenteil: Wer von sich sagt „Ich kann doch gar nicht mit Lego bauen“, bringt oft die allerbeste Voraussetzung mit. Denn hier geht es nie um das schönste Bauwerk, sondern um das, was beim Bauen sichtbar wird.
Du möchtest das für dein Kind erleben – oder gleich für eine ganze Klasse? Dann lass uns sprechen.
Im Einzelcoaching begleite ich Kinder (und auch Erwachsene) dabei, das in Worte zu bringen, wofür ihnen bisher die Worte fehlten.

Und mit meinem Workshop-Konzept klasse Klasse! komme ich direkt in deine Schule: Wir holen mit Lego das Unsichtbare auf den Tisch – Konflikte, die keiner benennen kann, und Bilder, für die den Kindern die Worte fehlen – und bauen gemeinsam an einem besseren Miteinander und einem stärkeren Klassenklima. Niederschwellig, spielerisch und ohne dass sich jemand bloßgestellt fühlt.
Ich arbeite mit Familien, Schulen und Gruppen vorwiegend in Mainz, Ingelheim und ganz Rheinhessen – für Klassen- und Gruppenworkshops komme ich aber auch gerne in deine Region. Melde dich einfach bei mir, dann finden wir gemeinsam heraus, was zu euch passt.
FAQ: Häufige Fragen
Warum können Kinder ihre Gefühle und Gedanken oft nicht ausdrücken?
Weil das Gefühl häufig zu groß, zu neu oder zu diffus ist, um es sofort in Worte zu fassen, besonders wenn sie unter Stress stehen. Kinder blockieren dann nicht aus Trotz, ihnen fehlt schlicht die Sprache für das, was in ihnen vorgeht. Hilfreicher als Nachfragen ist es, das Innere sichtbar und damit besprechbar zu machen.
Wie hilft Lego®-Bauen Kindern, über Gefühle und Konflikte zu sprechen?
Beim Bauen wandert das innere Bild nach außen: Es wird vereinfacht, sichtbar und greifbar. Kinder machen intuitiv aus Steinen Metaphern, so wird ein Stein zum Beispiel zu einem Schimpfwort oder eine Figur zu sich selbst. Über dieses Modell lässt sich dann reden, ohne dass das Gefühl noch einmal direkt ausgesprochen werden muss.
Was ist LEGO® SERIOUS PLAY®?
LEGO® SERIOUS PLAY® ist eine moderierte Methode, bei der Menschen mit Lego-Steinen Modelle zu einer Frage oder Situation bauen und anschließend darüber ins Gespräch kommen. Es geht nicht ums schöne Bauen, sondern ums Denken mit den Händen und ums gemeinsame Reflektieren.
Ab welchem Alter funktioniert das?
Grundsätzlich für Kinder im Grundschul- und weiterführenden Alter bis hin zu Erwachsenen. Entscheidend sind nicht das Alter, sondern die passende Bauaufgabe und die Begleitung. Ich kombiniere LEGO® SERIOUS PLAY® immer auch mit der Methode ich schaff’s nach Ben Furman. Diese legt eine lösungsfokussierte Haltung zugrunde und schaut immer nach Ressourcen und Möglichkeiten statt nach Problemen und Defiziten.
Kann ich das für meine Klasse oder Gruppe buchen?
Ja. Mit meinem Workshop-Programm klasse Klasse! komme ich zu Schulen und Gruppen in Mainz, Ingelheim, Rheinhessen und auch jede andere Region in Deutschland. Melde dich einfach bei mir, dann finden wir das passende Format für euch.



